Kinderrechte selbstbestimmt

Das Projekt in Kürze

Das Pilotprojekt „Kinderrechte selbstbestimmt“ unterstützt junge Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus (N- oder F-Ausweis) bei der Suche nach einem finanzierten Studienplatz, Praktikum oder einer Lehrstelle. Das Projekt wird von der Glückskette finanziell unterstützt. 

Mithilfe von Workshops und regelmässigen Treffen mit Freiwilligen erarbeiten sich die Teilnehmenden eigenständig das spezifische Wissen und die nötigen Unterlagen, welche sie brauchen, um ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Auf Wunsch werden sie in einem zweiten Schritt zu Peers weitergebildet und somit befähigt, das angeeignete Wissen an Jugendliche in derselben Situation weiter zu geben, sie auf ihrem Weg zu unterstützen und ihnen als Vorbild zu dienen.

Die jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 25 Jahren, werden innerhalb von einem Semester bei der Suche nach einer beruflichen Ausbildung begleitet. Ein Semester wurde bereits durchgeführt und ein zweites im November 2018 gestartet.

Ich möchte Jugendliche bei der Berufsfindung unterstützen.

Viele Arbeitgebende möchten Jugendlichen mit prekärem und ohne Aufenthaltsstatus keine Lehrstellen vergeben, weil sie befürchten, die Lehrlinge müssen das Land von heute auf morgen verlassen, bevor sie die Lehre überhaupt abgeschlossen haben. Jedoch ist für (noch) nicht anerkannte Flüchtlinge der Faktor berufliche Weiterbildung entscheidend für ihre Integration in der Schweiz. Komplizierte Arbeitsbewilligungsprozesse, lange Wartezeiten beim Amt für Migration und ein grosses Unwissen bei Lehrbetrieben betreffend den Möglichkeiten bei den Aufenthaltsbewilligungen N und F sind Hürden, mit denen die jungen Asylsuchenden bei der Lehrstellensuche zu kämpfen haben. Ferner verstreichen bis zum definitiven Asylentscheid teilweise über 3 Jahre. Einerseits wird von den jungen Erwachsenen erwartet, dass sie sich integrieren, andererseits setzt der Kanton Bern diese Personen auf die Wartebank bis zum definitiven Asylentscheid – dieser widersprüchlichen Situation nimmt sich das Projekt „Kinderrechte selbstbestimmt“ (KiS) an.

Berufliche Integration junger Menschen mit prekärem oder ohne Aufenthaltsstatus ist erreicht, bzw. zumindest gefördert.

 

  • Jugendliche finden eine Lehrstelle oder einen finanzierten Studienplatz, bzw. können ihre Potentiale im Berufsleben ausschöpfen oder sind auf dem Weg dazu einen bedeutenden Schritt in diese Richtung weiter gekommen.
  • Sie können über relevante Aspekte ihres Lebens erzählen und überzeugend argumentieren, haben sich das relevante Wissen angeeignet, um ihre Situation zu verbessern, bzw. besser zu meistern, und können bestenfalls dieses Wissen anderen weitergeben. Sie sind untereinander und mit den für sie bedeutenden Stakeholdern vernetzt.
  • Systemänderungen zugunsten ihrer Rechte sind erreicht oder zumindest die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und bessere Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den bereits bestehenden Organisationen und Gruppen in diesem Bereich.

Das Kernstück des Projektes ist die eins zu eins Begleitung der Teilnehmenden durch Freiwillige des Solidaritätsnetzes Bern. Letztere werden an einer Infoveranstaltung eingearbeitet und vorbereitet, während Erstere in einem Landschulwochenende Ziele festlegen, an denen sie mit den Freiwilligen arbeiten möchten. Danach treffen die Teilnehmenden und Freiwilligen an einer Kick-Off Veranstaltung das erste Mal aufeinander. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Zusammenarbeit, welche sich über 8 Monate erstreckt. Die Teilnehmenden sowie die Freiwilligen kommen in regelmässigen Abständen in Stammtischen zusammen.

Landschulwochenende
Tina, welche das Landschulwochenende als Freiwillige begleitet hat, sagt über eine Teilnehmende: „Eine wunderbare, lebensfrohe, junge Frau die mitten im Leben steht und grosse Ziele verfolgt- mit dieser positiven Energie sind wir ins Semester gestartet und haben begonnen, Schritt für Schritt die Zukunft weiter zu gestalten.“
Teilnehmende und Mitarbeitende des Solidaritätsnetzes Bern fahren gemeinsam für ein Wochenende in die Berge und beschäftigen sich intensiv mit Themen rund um Beruf oder Ausbildung. Es werden Stärken, Neigungen und Ressourcen anhand von Übungen herauskristallisiert, um in einem zweiten Schritt die konkreten Berufs- oder Ausbildungswünsche herauszufinden. Ziel des Wochenendes ist, dass jede*r Teilnehmer*in einen Berufswunsch formulieren kann und sich die Zwischenschritte überlegt, um dieses Ziel zu erreichen. Zum Schluss wird konkret herausgearbeitet, was die Teilnehmenden mit den Freiwilligen während des Semesters erarbeiten möchten.

Eins zu eins Begleitung durch Freiwillige und Projektbegleitung
Mujtaba schreibt im Feedbackbogen auf die Frage, wobei die Freiwillige ihm geholfen hat: „Bei der Vorbereitung der Unterlagen. Bei der Anmeldung für die Schule. Sie hat mich in die richtige Richtung zu meinen Zielen geleitet.“
Jede*r Teilnehmer*in wird individuell von einem/einer Freiwilligen über die gesamte Zeitdauer des Projektes begleitet. Sie treffen sich ca. einmal pro Woche und arbeiten an den individuellen Zielen, welche sich die Teilnehmenden selber im Landschulwochenende erarbeitet haben. An der KickOff – Veranstaltung treffen sich die Teilnehmenden mit den Freiwilligen zum ersten Mal. Die Zuordnungen werden vorgängig von der Projektleitung vorgenommen und erfolgen aufgrund von gemeinsamen Hobbies, Arbeitserfahrungen, Alter oder anderen Interessen. Falls Fragen auftauchen oder Missverständnisse entstehen steht die Projektleitung jederzeit zur Verfügung. Per Mail oder Whatsapp steht die Projektleitung in regem Kontakt mit den Teilnehmenden und Freiwilligen.

Stammtische
Die Stammtische für die Teilnehmenden erfolgen einmal im Monat. Sie bieten die Möglichkeit Themen aufzugreifen, welche im Landschulwochenende nicht abschliessend besprochen werden konnten, oder weitere für die Berufsbildung wichtige Themen , die sich seitdem ergeben haben, aufzugreifen. Ferner dient es dazu, die Gruppe zusammenzubringen, damit die Teilnehmenden Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig bestärken können und darauf vorbereitet werden, als Peer im nächsten Semester neue Teilnehmende zu inspirieren und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Dies soll in den Stammtischen und Workshops erfolgen.
Die Freiwilligen treffen sich auch zu eigenen Stammtischen, die aber je nach Bedarf vereinbart werden. Sie dienen dem Austausch und der Weiterbildung, unter anderem indem auf Wunsch Fachpersonen eingeladen werden, die zu einem bestimmten Thema Auskunft geben können. Der erste Stammtisch der Freiwilligen findet vor der Kick-Off Veranstaltung statt, wird in der Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen organisiert und dauert 5 Stunden. Gemeinsam erarbeitet werden das Asylverfahren, die verschiedenen Bewilligungsarten, ihre Implikationen auf die Arbeits- und Berufswelt sowie Ansprüche und Möglichkeiten seitens der Projektleitung und Mitarbeitenden des Solidaritätsnetzes Bern, bzw., Herausforderungen und Erwartungen an die Begleitung der Teilnehmenden.

Ein essentieller Teil des Projektes ist die Vernetzung. Es werden mit anderen Projekten und Fachstellen Partnerschaften geknüpft, die sich auch mit dieser Thematik auseinander setzen. Dies dient einerseits dem Austausch, um die Inhalte des Projektes zu verbessern, und andererseits der konkreten Zusammenarbeit.

Bis jetzt erfolgt eine konkrete Zusammenarbeit mit folgenden Partnern: cfd (Die feministische Friedensorganisation), Heitere Fahne (Inklusiver Gastrobetrieb), Jobcaddie (Unterstützung während oder nach der Lehre), Struktouren (Beschäftigungsprogramm für Geflüchtete mit N-Ausweis) , Kirchliche Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen (KKF) und Gastfamilienprojekt der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH).

Carola Schabert, Mitarbeiterin des SFH, beschreibt das Projekt wie folgt: „Das Projekt Kinderrechte selbstbestimmt hat Pioniercharakter. Es gibt Menschen die nötigen Werkzeuge für den Bewerbungsprozess mit auf den Weg und unterstützt sie bei der beruflichen Integration – auch ohne sicheren Aufenthaltsstatus.“

Bei vielen Teilnehmenden sind punktuell weitere Stellen involviert. Die Projektleitung ist sehr darauf bedacht, sich mit allen involvierten Stellen abzusprechen, um Doppelspurigkeiten zu vermeiden. Sozialdienste, Berufsschulen und weitere Stellen werden in die Arbeit miteinbezogen und ständig auf dem Laufenden gehalten.

Wir können auf ein erfolgreiches erstes Semester zurückblicken. Das Setting funktioniert gut. Sowohl die Teilnehmenden als auch die Freiwilligen haben durchwegs gute Rückmeldungen abgegeben. Alle Teilnehmenden und etwas mehr als die Hälfte der Freiwilligen beabsichtigen, weiterhin am Projekt teilzunehmen. Das Landschulwochenende gleich zu Anfang des Prozesses erlaubt es der Projektleitung, eine gute Beziehung zu den Teilnehmenden aufzubauen und einen guten Eindruck über die Ressourcen und Defizite zu erhalten. Dadurch, dass die Freiwilligen nur jeweils einen Jugendlichen begleiten und vollständig auf diesen fokussieren können, ist es ihnen möglich, eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Aufgrund der überwältigenden Anzahl Interessierte Freiwilliger konnten wir die Teilnehmerzahl von 14 auf 20 aufstocken.

Gemäss offiziellem Nahtstellenbarometer verfügten im April 2018 schweizweit 73% der Lehrstellensuchenden über einen unterschriebenen Lehrvertrag oder über eine feste mündliche Zusage (siehe PDF Datei: Nahtstellenbarometer S. 21). Bei gleichen formalen Qualifikationen (Schulnote und Schultyp) sind jedoch die Chancen eine Lehrstelle zu finden für ausländische Jugendliche der ersten Generation 4.4-mal geringer als für Jugendliche mit zwei Schweizer Elternteilen[1]. Das ergibt eine Erfolgsquote von 16.6%.

Bei der Zielgruppe dieses Projektes handelt es sich jedoch um Jugendliche und junge Erwachsene, deren Bildungsgrad, Aufenthaltsstatus und andere zentrale Voraussetzungen gegenüber Gleichaltrigen der ersten Generation (z.B. EU-Bürger*innen) die Erfolgschancen zusätzlich schmälern. Von 14 Teilnehmenden des ersten Semesters fanden zwei Personen während des Semesters eine Lehrstelle (Erfolgsquote: 14,9%).Deshalb können wir hiermit eindeutig feststellen, dass selbst die schwierigste Erfolgskennzahl dieses Projekts positiv bewertet werden kann. Von den übrigen 14 Teilnehmenden konnten zwei ein Praktikum, einer das zehnte Schuljahr und einer den SRK-Pflegekurs antreten (Erfolgsquote 2: 29.8%). Somit kann gesagt werden, dass insgesamt 44,7% der Teilnehmenden des ersten Semesters ihre derzeitigen Potentiale im Berufsleben ausschöpfen konnten. Eine Person hat 2 Monate nach dem Ende des ersten Semesters eine mündliche Zusage erhalten, dass er im Betrieb wo der Freiwillige, welcher ihn begleitet hat, arbeitet, im Sommer 2019 eine Lehrstelle antreten kann.

[1] siehe PDF Datei: Integrationsbericht S. 35

Um die Jugendlichen in ihrem Prozess bei der Berufsfindung optimal zu unterstützen sind wir immer wieder auf der Suche nach Freiwilligenhelfer*innen. Hast du Lust Jugendliche im Berufsfindungsprozess zu begleiten? Oder vielleicht punktuell diverse Jugendliche beim Verfassen eines Motivationsschreibens unter die Arme zu greifen?
Dann melde dich im Kontaktformular an.